"Herr Mautz" von Sibylle Berg

21 Jul, 2007
Autor: saw
Kategorie: Musik + Theater

„Ein alter Mann ist das Unwichtigste auf der Welt!“ heißt es im Stück von Sibylle Berg, und doch drehte sich in „Herr Mautz“, das die Theater-AG des Ernestinums in einer einfallsreichen tragikomischen Inszenierung auf die Bühne des Schulfoyes brachte, alles um einen sonderlichen Alten und darum, ob er wohl einen einzigen schönen Moment in seinem Leben finden kann, bevor ihn die Kakerlaken fressen.
„Nur, wer seine Gefühle kennt, kann sie auch beherrschen“, war seine Maxime gewesen. Und die Gefühle zu beherrschen, das bedeutete immer auch, sie zu vernichten, samt den Menschen, die sie ausgelöst hatten.
In seinen Fieberalbträumen tauchen diese Menschen wieder auf, die Eltern, mit denen er schon als Kind „keinen weiteren Umgang mehr wünschte“, der Freund, dem er die gerade aufgekeimte Freundschaft kündigte, das Mädchen, das zum ersten Mal liebte und genau aus diesem Grund von ihm verlassen wurde. Herr Mautz wollte beides: Gefühle kennenlernen und sich zugleich vor ihn schützen.
Nicht einfach, unter solchen Umständen einen „schönsten Moment“ zu finden. Den aber braucht Herr Mautz, um eine zweifelhafte Gnade zu nutzen, die ihm von der „Erzählerin“, einer Art Todesengel, gewährt wird: Diesen schönsten Moment bis in alle Ewigkeit wieder und immer wieder zu erleben. Ob das der Himmel oder die Hölle wären, ist schwer zu sagen. Beinahe entscheidet sich Herr Mautz für den Moment, wo er sich vornahm, die Gefühle zu erforschen, zu verstehen und dann – abzulegen.
Auf der kargen Bühne steht ein Regal voller Kartons mit diesen abgelegten Gefühlen: Freude und Abhängigkeit, Begierde, Liebe, Angst und Schuld. Zwei aufdringliche Kakerlaken in Gestalt von zwei Punkmädchen räkeln sich in komisch-lüsterner Ungeduld herum und warten darauf, dass sie ihr Opfer endlich verspeisen dürfen.
Eltern, Freund und Geliebte, das Kind, die Ehefrau und viele andere kommen und gehen, mit nüchternen Pappschildern um den Hals, auf denen steht: „Mutter“, „Vater“, „Kind“ oder einfach „Darsteller“. Und Herr Mautz selbst, er wird gespielt von gleich vier jungen Schauspielern, ein toller Regieeinfall, der die langen, gekonnt trockenen Monologe pointiert und Mautzens Zerrissenheit auf den Punkt bringt.
Überhaupt hat Dirk Wilkenings Theater-AG auch diesmal wieder gezeigt, was an Spielfreude, Können und Inszenierungsphantasie in ihnen steckt.
Im Programmheft schreiben sie, dass Sibylle Bergs Theaterstück aus dem Jahr 2002 sie besonders faszinierte, weil es bei der Umsetzung so viele Freiheiten erlaubt. Sie haben sie zum Allerbesten genutzt! Kafka, Sartre und Brecht scheinen ihnen über die Schulter geguckt zu haben, und natürlich Sibylle Berg selbst, deren zynische Komik sich im Stück schließlich auch mit allerlei kleinen Spaßeinlagen durchsetzt.
Am Ende muss Herr Mautz sich entscheiden. Und da gelingt ihm etwas, das man ihm nie zugetraut hätte und das doch zugleich die Basis dessen ist, weshalb viele sich in diesem „Emotionsmonster“ (taz) doch wiedererkennen können: Er wartet auf ein Wunder! Vielleicht hat er das sein ganzes Leben lang getan – und nun ist dieses Warten sein „schönster Moment“. Herr Mautz wird (gewissermaßen) unsterblich und die Kakerlaken müssen unbefriedigt abziehen.
© Schaumburger Zeitung, 12.03.2007

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