Stolpersteinprojekt: Erinnerung an Rintelner Opfer des Nationalsozialismus

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Am 27.11.13 verlegte der Künstler Gunter Demnig in Rinteln die ersten 15 Stolpersteine, die an jüdische Bürgerinnen und Bürger erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus umgekommen sind oder fliehen mussten. Sowohl am ehemaligen Gebäude des Gymnasiums am Kollegienplatz als auch an drei anderen Standorten in der Innenstadt wurden die Steine verlegt. Unter anderem sind die Steine Julius Sundheimer, Studienrat für Mathematik und Physik in Rinteln von 1931 bis 1933, sowie drei Schülern unseres Gymnasiums gewidmet. Der Rahmen für die Verlegung wurde gestaltet von Schülerinnen und Schülern des 6. Und 12. Jahrgangs, die Fotographien der Ermordeten präsentierten, kurze Biographien der Personen verlasen und die Gedenkfeier musikalisch gestalteten. Finanziert wurde die Verlegung durch Rintelner Privatleute, durch ehemalige und aktuelle Schüler des Ernestinums, durch die Schule selbst sowie durch einen unterstützenden Beitrag der Stadt Rinteln.

 

Mit 20130213_141111demStolpersteinprojekt versucht der Seminarkurs von Natalie Janz in Zusammenarbeit mit Thomas Weißbarth an die Juden Rintelns zu erinnern, die Opfer des Natio

nalsozialismus geworden sind. In vielen Städten gibt es schon Stolpersteine. Nun sollen sie auch in Rintelns Straßen verlegt werden. Ziel des Projekts ist es, den deportierten und ermordeten Juden Namen und Würde wiederzugeben. Beim Bücken, um den Text zu lesen, verbeugt man sich symbolisch vor den getöteten Juden.
Der Schulalltag der Kinder und Jugendlichen von heute ist kaum mit dem der jüdischen Kinder zur Zeit des Nationalsozialismus zu vergleichen. Während heute Religion bzw. Herkunft keine Auswirkung auf die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler hat, wurden Juden damals unter anderem von Antisemiten unterrichtet, da viele Lehrer in der NSDAP waren. Schüler von heute denken schon bei zu vielen Hausaufgaben oder einem strengen Blick, dass ein Lehrer sie hasst. Man kann sich kaum in die Lage eines jüdischen Schülers hineinversetzen, der tatsächlich vom Lehrer gehasst wurde.
Kennkarte Eva HeinemannDer Lauf der Geschichte kann auch in Rinteln erkannt werden. Die Nazis kamen 1933 an die Macht. Die nationalsozialistische Ideologie durchdrang nicht nur die Politik, sondern wirkte sich auch auf das gesamte Leben der Menschen aus. So wurden der Schulalltag und die Freizeitgestaltung der Jugendlichen davon bestimmt.
Am 7. Juni 1934 wurde der Samstag zum Staatsjugendtag erklärt. Schüler, die in der Hitlerjugend waren, mussten am Samstag nicht zur Schule gehen und konnten an Veranstaltungen der HJ teilnehmen. Jüdische Schüler hingegen waren verpflichtet am Samstag, dem jüdischen Feiertag, zum Unterricht zu kommen. Dieser Unterricht beschränkte sich auf Turnen und Werken, da sie sich keinen Wissensvorsprung vor den „arischen“ Schülern erarbeiten durften.
Folge der schlechten Behandlung der Juden war, dass viele Familien versuchten ins Ausland zu fliehen und einen Antrag auf Auswanderung stellten.
Die Novemberpogrome 1938 waren der Übergang von der Diskriminierung zur systhematischen Verfolgung der Juden.
Bei der Recherche befassten sich die Schüler des Gymnasium Ernestinum mit einigen beispielhaften Familien näher.
Eine von diesen ist die Familie Leeser, die am Marktplatz 1 wohnte. Die Kinder Paul (geb. 10.02.1921) und Werner (geb. 25.04.1922) besuchten im Schuljahr 1934/35 das Gymnasium in Rinteln. Sie wurden unter anderem von dem jüdischen Lehrer Sundheimer, der im Rahmen der Entlassung nicht-arischer Beamter beurlaubt wurde, und von einem antisemitischen Lehrer unterrichtet. Louis Leeser (geb. 23 August 1884), Vater der beiden Kinder und SPD-Mitglied, betrieb einen Kaufmannsladen in Rinteln. Am 27 Juli 1935 bewarfen einige Bewohner den Kaufmannsladen und beschimpften die jüdische Familie. Dies wurde als ,,kleine Demonstration gegen Juden“ im Polizeibericht festgehalten. Henriette Leeser, Ehefrau von Louis Leeser, engagierte sich für Juden und war Vorsitzende des “jüdischen Frauenbund“, welcher aus ca. 18-20 Mitgliedern bestand. Die Familie Leeser bemerkte die Zeichen der Zeit rechtzeitig und konnte 1937 ,,aus politischen Gründen“ aus Rinteln nach Amerika auswandern. Der jüngste Sohn kam unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nach Rinteln als amerikanischer Soldat, jedoch blieb weder dieser noch der Rest der Familie Leeser in Rinteln.
Die Familie Arensberg aus der Klosterstr. 25 war eine der wohlhabendsten der jüdischen Gemeinde in Rinteln. Arnold Arensberg besaß noch 63.000 RM in Bargeld und Wertanlagen, als er einen Ausreiseantrag in die USA stellte. Davon wurden ihm lediglich 9.200 RM zugestanden. Da die Auswanderung nicht zustande kam, fiel letztlich das gesamte Vermögen an den Staat. Zusammen mit seiner Frau Lotte hatte Arnold Arensberg eine Tochter Henriette (geb. 23.7.1938). Dass Jugendliche das Kinderzimmer mit Steinen einwarfen, ließ Lotte um das Leben ihrer Tochter fürchten. Am 8. Januar 1941 wurden unter anderem die Familien Arensberg, Heinemann und Kleeberg gezwungen in der Bäckerstraße 53 in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen.
Kennkarte Julius KleebergkleinDie Familie Kleeberg hatte ihre Wohnung am Josua-Stegmann-Wall Kennkarte Karoline Kleebergklein9 und bestand aus Julius, Margarethe und Karoline (geb. 20.03.1922). Julius Kleeberg plante vermutlich eine Ausreise nach Italien. 1938 beschwerte sich Julius mündlich und schriftlich über Beleidigungen durch die Nachbarskinder.
Ende 1941 mussten Margarethe Kleeberg und Arnold Arensberg im Zuge der Mobilmachung aller Arbeitskräfte bei der Fa. Schröder und Wagner arbeiten.
Bis auf die Familie Leeser wurden die beschriebenen Familien am 28. März 1942 aus Rinteln abtransportiert. Zunächst kamen sie in die völlig überfüllte Gartenbauschule Hannover-Ahlem, wo sie drei Tage verbringen mussten. Schließlich wurden sie am 31. März ins Warschauer Ghetto deportiert.
Arnold Arensberg konnte noch vom Warschauer Bahnhof über einen Rintelner Soldaten Grüße nach Rinteln übermitteln. Dabei gab er an, von seiner Familie getrennt zu sein. Er starb am 24. Januar 1944 in Warschau. Seine Frau wurde wie Hermann, Edith und Vera Heinemann in Warschau getötet. Von Henriette Arensberg ist als Todesort Polen bekannt. Die Kleebergs sind in Theresienstadt umgekommen.
Durch Stolpersteine kann an schreckliche Zeiten erinnert werden. Diejenigen Rintelner Juden, für die ein solcher Stolperstein verlegt werden kann, stehen für die Vielen, die die Diktatur der Nationalsozialisten nicht überlebt haben.