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"Auf der Suche nach einer
öffentlichen Moral -
Deutschland vor dem neuen Jahrhundert."

Helmut Schmidt beschäftigt sich in seinem Bestseller mit dem moralischen Verfall der Gesellschaft. Er weist Wege zum dringend erforderlichen Neuanfang in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Hier nun einige Auszüge.

"Sowohl in der politischen Klasse als auch in den übrigen Funktionseliten fehlt es an der Fähigkeit zur unvoreingenommenen Analyse. Es fehlt an Kraft zur Konzipierung der nötigen Reformen und Erneuerungen. Es fehlt an Mut. Vor allem aber fehlt es an einer am Gemeinwohl orientierten Moral. Mit Recht hat Roman Herzog von einem 'gefährlichen Verlust an Gemeinsinn' gesprochen. Mir erscheint das wachsende moralische Defizit als die bedrohlichste Gefährdung Deutschlands. (...)
   Wir Deutschen - zumal wir Westdeutschen - sollten wissen: Unser Land braucht Versöhnung! Wir können die Wiederherstellung des Wir-Gefühls der Deutschen durch eifernde Verdächtigungen ungezählter Mitbürger durchaus noch verzögern. Aber wenn wir uns nicht mit ganzem Herzen und mit aufrichtigem Bemühen der Aufgabe zuwenden, uns wieder zu einem Volk zu verschmelzen, können wir kein gutes Gewissen haben. Dazu brauchen wir Vorsatz und Willen zur gegenseitigen Einfühlung. (...)

Tatsächlich hat eine überwältigende Mehrheit der Deutschen aus der Geschichte gelernt: Nie wieder dürfen sich in Deutschland Diktatur und Rassismus wiederholen, dafür tragen wir alle eine gemeinsame Verantwortung. (...)
   Wir Deutschen können nicht im politischen und sozialen Frieden miteinander leben, ohne die im Christentum entwickelten Pflichten und Tugenden. Die Kirchen müssen Gegengewichte setzen gegen die Tendenzen zum moralischen Verfall unserer Gesellschaft. (...)
   1962 hat John F. Kennedy in seiner Rede zum Amtsantritt mitreißend formuliert: 'Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt.' Eine solche Gesinnung ist in Deutschland heute nur noch selten anzutreffen, der schleichende Verfall der Moral in unserer Gesellschaft hat sich beschleunigt. Aber keine offene Gesellschaft, keine Demokratie kann auf die Dauer Bestand haben ohne das doppelte Prinzip von Rechten und Pflichten jedes einzelnen. (...)
   Wir müssen in unserem Bewusstsein dem Grundrecht auf Freiheit die moralische Grundpflicht zur Verantwortung an die Seite stellen. (...)
   Kompromissfähigkeit und Toleranz sind für den inneren Frieden unserer Gesellschaft unverzichtbare Tugenden. Wo sie fehlen, droht Bürgerkrieg. (...)

Die Europäische Union ist notwendig - Wenn wir Europäer in dieser ganz anderen Welt des 21. Jahrhunderts unsere Interessen wahren wollen, wenn unsere Stimme gehört werden soll, dann ist die weitere Entfaltung der Europäischen Union notwendig. (...)
   Wir Deutschen sind nicht die einzigen, die in ihrer Brust das Problem zu bewältigen haben, dass zwischen nationaler Identität und Vaterlandsliebe auf der einen Seite und dem großen transnationalen Projekt der Europäischen Union auf der anderen ein Widerspruch klafft. (...) Die europäische Integration ist eine ganz ungewöhnliche, einmale Aufgabe, es gibt dafür in der Geschichte kein Vorbild. (...) Ein freiwilliger Zusammenschluss von über 300 Millionen Menschen, von 15 Staaten mit 13 eigenen, zum Teil sehr verschiedenen Sprachen, mit eigener nationaler Literatur, mit eigenen Traditionen, die im Laufe von Jahrhundert gewachsen sind, dieses Vorhaben ist absolut einmalig."
 

ENTWURF EINER WELTGÜLTIGEN ETHIK-GRUNDLAGE

"Der 'Inter Action Council' ist mit seinem Entwurf einer 'Universal Decleration of Human Responsibilities' auf eifernde journalistische Kritik gestoßen. Dieser Entwurf beruht auf zehnjähriger Vorarbeit durch religiöse und politische Führungspersönlichkeiten in allen fünf Kontinenten. Er wurde 1997 von vierundzwanzig früheren Staats- und Ministerpräsidenten verabschiedet (...)
   Dieser Entwurf, der nach meiner Überzeugung eine gute Diskussionsgrundlage für einen weltweiten ethischen Minimalkodex bietet, enthält selbstverständlich auch die von allen Religionen der Welt getragene 'goldene Regel'. Er ist darüber hinaus geeignet, auch unserer eigenen Gesellschaft als ethische oder moralische Orientierung zu dienen."

 

Zitiert nach Quelle: [17]

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