Was ist das für ein Land?
Zentrale Frage bei diesem Text ist: Wie hat sich das Ende des Zweiten Weltkriegs auf die Deutschen ausgewirkt und was ist davon zu halten?

"Was ist das für ein Land?
Deutschland, ein 'Wintermärchen', eine 'verspätete Nation', ein 'Sonderweg'? Ist 'um den Schlaf gebracht', wer daran denkt? - Und wo liegt es? Dort, wo man etwas um seiner selbst willen tut? Dort, wo alle Revolutionen misslingen, weil es verboten ist, den städtischen Rasen zu betreten?
Wer die deutsche Geschichte überfliegt, reibt sich immer wieder Augen: Eine trügerische Erscheinung, ein changierendes Gebilde. Seine Fliehkräfte waren oft genug stärker als sein Zusammenhalt. Und jene waren oft sein besserer Teil. (...)
Was ist das für ein Land? - Dreimal in den letzten 200 Jahren war der politische und gesellschaftliche Fortschrift die Folge eine militärischen Niederlage. Dreimal wurde der Zuwachs an Rechtssicherheit, Freiheit und Demokratie nicht aus eigener Kraft erstritten, sondern vom Sieger verordnet. Und auch die Wiedervereinigung in 'Frieden und Freiheit' wurde mindestens ebenso gewährt wie ertrotzt.
Eine Stunde Null hat es nie gegeben, weder am 8. Mai 1945 noch am 3. Oktober 1990. Die deutsche Gegenwart ist eine hauchdünne Schicht über dem Gebirge - und den Abgründen - der deutschen Vergangenheit. Wie sind wir geworden, was wird sind? - Wie stehen wir da? - Was haben wir begriffen oder wenigstens eingeübt? Seit dem Zusammenbruch (oder war's die Befreiung?) sind drei Generationen herangewachsen. Sie stehen einander oft misstrauisch und sprachlos gegenüber, aber sie haben etwas zustande gebracht: Hüben 40 Jahre Demokratie und drüben eine friedliche Revolution vom Stasi-Staat zum aufrechten Gang. Beides einsame Rekorde unserer Geschichte. Und es ist gemeinsame Geschichte, auch wenn es eine Weile nicht den Anschein hatte.
Das vereinte Deutschland kann nicht dort ansetzen, wo es vor 45 Jahren geteilt wurde. BRD und DDR waren unterhalb von Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen miteinander verwurzelt, enger als man glauben mochte oder ahnen konnte. Man kann ein Volk zwingen, in getrennter Sprache zu sprechen. Man kann es nicht hindern, in der gemeinsamen Sprache zu schweigen."
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"Das Abenteuer geht weiter. Es beginnt täglich neu. Täter und 'Getane' schreiben seine Geschichte Blatt für Blatt weiter, stellen Fragen, suchen Antworten: eilig oder bedächtig, oben oder unten, vorwärts oder rückwärts, links oder rechts. (...)
Auch das vereinte Deutschland bleibt ein Provisorium, denn es ist nur Teil einer geteilten Welt. Aber es könnte allen Völkern den Frieden erklären. Es könnte der Geltungsbereich einer humanen Welt-Innenpolitik sein, bündnisfähig nach außen und innen, pluralistisch ohne Zynismus, widerborstig bei jedem Befehl, hellhörig bei jeder Bitte.
Stark genug, sich zu seinen Schwächen zu bekennen, aber nicht schwach genug, sich damit abzufinden."
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