Deutschland, was ist das?
Eine kritische Betrachtung von Dietrich Schwanitz [?] zu dem Thema, was die Deutschen eigentlich deutsch macht.
"Deutschland, was ist das?
Bis zur Einigung des Deutschen Reiches 1871 konnte das niemand sagen. Es gab kein Deutschland, sondern ein Römisches Reich. Aber dazu gehörten auch Italien, Böhmen, Ostfrankreich, die Beneluxländer, die Schweiz und Österreich. Sicher, es gab einen deutschen König, aber der regierte auch die Tschechen und die Lothringer und die Holländer. Es gab also nicht in gleicher Weise einen deutschen Staat, wie es später einen englischen oder französischen Staat gab. Deshalb wurden die Deutschen keine Staatsnation. (...)
Als sie sich um 1800 herum anguckten und sich fragten: 'Wer sind wir?', fanden Sie nur eine Gemeinsamkeit: die Sprache und Kultur und die Dichtung. Also sagten sie: 'Wir sind eine Kultur-Nation' oder: 'Wir sind ein Volk der Dichter und Denker.' Das sagten sie nicht, weil sie davon mehr hatten als andere, sondern weil es keine andere Gemeinsamkeit gab.
Und sie sagten: Wir sind das Volk, das deutsch spricht. Das war eine fatale Feststellung denn das brachten später den Führer aller Knallköpfe auf den Gedanken, alles, was deutsch spreche, müsse heim ins Reich (...), oder das Reich müsse dahin, wo deutsch gesprochen werde, etwas nach Prag oder Reval oder in die Synagoge von Tschernowitz.
'Ja und', mag man fragen, 'ist das nicht bei den anderen genauso? Ein Franzose ist, wer französisch spricht, und ein Engländer, wer es auf englisch tut (es sei denn, er wäre Amerikaner oder Neuseeländer oder Inder oder Pilot oder Devisenhändler).'
Weit gefehlt.
Für die Franzosen definiert sich die Nation politisch, nicht sprachlich. Engländer ist, wer sich zum 'English way of life' und zur britischen Demokratie bekennt, mag er nun englisch, gälisch oder japanisch sprechen. Für ihn ist eine politische Nation keine Schicksalsgemeinschaft, in die man hineingeboren wir wie in eine Sprache; sie ist vielmehr Erlebnis eines willentlichen Zusammenschlusses wie ein Club; ihm kann man beitreten, wenn man sich an die Clubregeln, also an die Verfassung, hält.
So kam es zu unterschiedlichen Begriffen von 'Nation' in Deutschland einerseits und in den westlichen Demokratien andererseits (also wieder mal ein deutscher Sonderweg)."
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"Merke: Wir müssen unseren ethnisch-sprachlichen Nationenbegriff aufgeben und den der anderen annehmen. Also: Deutscher ist nicht der, dessen Eltern deutsch sprechen, sondern der, der hier leben will und sich zum Grundgesetz bekennt, auch wenn er deutsch mit einem Schweizer Akzent spricht, weil er Gastarbeiter in Zollikhofen war." |
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