Die überraschende Öffnung der Grenze
Aram Radomski [?], Fotograf und Bürgerrechtler, erinnert sich an den Fall der Mauer in der Nach vom 9. zum 10. November in Berlin.
"Ich habe am 9. November abends vor dem Fernseher gesessen und auf irgend etwas gewartet. Nach dem 4. November hier in Berlin musste etwas passieren, und wir haben die Nachrichten regelrecht nach Hinweisen durchsucht.
Dann wurde die Pressekonferenz übertragen, auf der Schabowski kurz vor Schluss noch nebenbei erklärte, dass 'ständige Ausreisen' und 'Besuchsreisen' ab sofort 'unverzüglich' genehmigt würden. (...) Es dauerte aber etwa 20 Minuten, bis mit bewusst wurde: Mensch, eigentlich hat er doch gerade gesagt, dass die Mauer jetzt offen ist. Mit dieser Erkenntnis bin ich dann ganz aufgeregt aufgesprungen und nicht etwa gleich zu Grenze gefahren, sondern zu einem Freund, der am nächsten Tag nach Prag fahren wollte, um sich über die Botschaft dort abzusetzen. (...)
Wir sind dann in eine Kneipe am Prenzlauer Berg gegangen und haben dort den Wirt gebeten, das Radio anzumachen, um eine Bestätigung für unsere Vermutungen zu erhalten. Der wollte nicht und ließ sich erst darauf ein, als ein Freund über einen Walkman hörte, dass Momper die Leute aufrief, mit U- und S-Bahnen zu kommen. Mein Freund rief: 'Es stimmt, es stimmt!' (...) Wir waren so aufgescheucht, dass wir sofort beschlossen, jetzt auch in den Westen zu fahren und zu gucken, was da los ist.
An der Bornholmer Straße sagte uns ein Polizist, wir sollten nach Hause gehen und die Sache vergessen, es stimme als nicht, wir hätten etwas falsch verstanden. Ich aber sagte mir, dass da ein einzelner Mann vor mir steht und sich für kompetent hält, diese Auskunft zu geben, aber vielleicht selber nicht richtig informiert ist. Deshalb haben wir uns zu einer Gruppe von etwa 20 Leuten gesellt, die vor dem geschlossenen Grenzübergang warteten.
Es passierte ein ganze Weile nichts. Darauf habe dann mehrmals ganz laut gerufen: 'Ich möchte bitte einen Verantwortlichen sprechen! Ist es den nun möglich, heute Abend mit einem gültigen Personalausweis die Grenze nach Westberlin zu passieren?' Man merkte deutlich, dass niemand befugt war, das zu beantworten. Schließlich kam die Antwort: 'Ja, wer das wünscht, kann die Grenze heute passieren.' (...)
(Wir) sind dann durch dieses tote Gebiet gelaufen, mit einer Angst im Rücken, alles könnte gleich nicht mehr sein. Mein Freund sagte immer: 'Wir sind noch nicht drüben!' Aber dann standen wir endlich doch im Westen.
Dort warteten zwei Taxis, und wir nahmen eins, um nach Schöneberg zu fahren, wo wir Freunde besuchen wollten. (...) Eine müde Stimme öffnete uns, und sie konnte eine ganze Weile nicht glauben, dass das alles stimmen sollte. Ein Freund wollte uns dann als erste Gäste aus dem Osten gleich zum Fernsehen bringen. Wir aber wollten viel lieber die Neuigkeit genießen, sind quer durch Westberlin zu einigen anderen Grenzübergängen gefahren und dann spät in der Nacht schließlich total erschöpft in einer Kreuzberger Kneipe gelandet."
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